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Anita Rée

Retrospektive

Anita Rée ist eine der faszinierenden und rätselhaften Künstlerinnen der 1920er-Jahre. Sie lebte in vielerlei Hinsicht ein Leben zwischen den Welten: als selbstständige Frau in der Kunstwelt zwischen Tradition und Moderne, als regionale Künstlerin mit internationalem Anspruch,  als protestantisch erzogene Hamburgerin mit südamerikanischen und jüdischen Wurzeln. Auch in den Werken Anita Rées (1885–1933) spiegeln sich die zum Teil radikalen Veränderungen der modernen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht dabei die noch immer hochaktuelle und existentielle Frage nach der eigenen Identität. In eindringlichen Bildern präsentiert Rée Menschen anderer Herkunft und das Selbst als fremdes Wesen. Ihre intimen Frauenakte berühren noch heute. Porträts von Herren der Gesellschaft, die südliche Landschaft als Sehnsuchtsort, weltliche Figurenbilder mit religiösem Gehalt oder vereinzelte Tiere in kargen Dünen zeigen die große Vielfalt ihrer Motive.

Diese erste umfassende Ausstellung zu der Malerin stellt mit rund 200 teilweise noch unbekannten Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und gestalteten Objekten ein überraschend facettenreiches Werk vor. Es reicht von impressionistischer Freilichtmalerei über kubistisch-mediterrane Landschaftsbilder bis hin zum neusachlichen Porträt.

Ausstellungsrundgang

Einführung

Anita Rée (1885–1933) ist seit über hundert Jahren in der Sammlung der Hamburger Kunsthalle vertreten, wurde aber nie mit einer Einzelpräsentation gewürdigt. Diese erste umfassende Museumsausstellung zur Künstlerin wirft nun Licht auf ein bedeutendes und facettenreiches Œuvre, das von impressionistischer Freilichtmalerei über mediterrane Landschaftsbilder bis zu neusachlichen Bildnissen reicht. Anita Rée wird 1885 als zweite Tochter von Eduard Israel Rée und der aus Venezuela stammenden Anna Clara in Hamburg geboren.  Sie nahm zwischen 1904 und 1910 Malunterricht bei dem Hamburger Impressionisten  Arthur Siebelist in Hittfeld, bildete sich im Winter 1912/13 in Paris fort und arbeitete von 1922 bis 1925 im süditalienischen Positano. Zurück in Hamburg, erhielt sie durch zahlreiche Porträt- und öffentliche Aufträge überregionale Anerkennung und konnte wertvolle Kontakte in der Kunstwelt knüpfen. Ihre letzten Jahre verbrachte Rée zurückgezogen auf Sylt, wo sie sich im Dezember 1933 das Leben nahm.

Anita Ree in der Malklasse von Arthur Siebelist in Hittfeld, nach 1904, Archiv Maike Bruhns, Hamburg © Hamburger Kunsthalle

Frühe Werke

Im Jahr 1904 trat Anita Rée in die Malschule von Arthur Siebelist ein. Vermutlich bis 1910 malte sie mit anderen Schülern, darunter Friedrich Ahlers-Hestermann und Franz Nölken, von Licht durchflutete impressionistische Bilder. Die neueren Entwicklungen in der Kunst verfolgte sie über Galerien, Privatsammlungen, Zeitschriften und Bücher, wobei sie sich besonders für Werke von Paul Cézanne, André Derain und Paula Modersohn-Becker interessierte. Ein Aufenthalt in Paris im Winter 1912/13 vertiefte diese Eindrücke. Die Merkmale moderner Kunst beschäftigten Rée: der freie Umgang mit Farben und Formen sowie das Übertragen von Raum in die Fläche der Leinwand. In mehreren Porträts von Agnes, dem Dienstmädchen der Familie, fand sie zu einer eigenen Bildsprache und legte vieles an, was ihre Kunst von nun an charakterisierte: das Zeichnen als Basis von Gestaltung, eine vielschichtige Farbgebung, ein konzentrierter Blick auf den Menschen sowie das Erkunden des Körpers als Ausdruck von Geist und Seele.

Anita Rée (1885–1933): Junger Chinese, um 1913, Ol auf Leinwand, 75,5 x 60,5 cm © Hamburger Kunsthalle, Foto:  Elke Walford

Selbstbildnisse

Bereits in einem ersten Selbstbildnis aus dem Jahr 1904 richtete Anita Rée ihren Blick direkt auf sich und auf ihr Gegenüber, als wolle sie fragen: »Wer bin ich?« Ihr gesamtes Œuvre hindurch erforschte sie das eigene Ich, und sie nutzte das ganze Potenzial von Farbe, Form und Komposition, um ihre innere Welt auszudrücken. Zu Beginn bemühte sich Rée noch darum, die eigene Erscheinung genau abzubilden. Inspiriert von Künstlern wie Paul Cézanne und Fernand Léger, konzentrierte sie sich zunehmend auf den Eigenwert von Form und Farbe und begann zu experimentieren: Die Frage nach Identität und Herkunft bewegte Anita Rée. In zahlreichen Selbstporträts betonte sie ihre exotische Erscheinung.

    

(li) Anita Rée (1885–1933): Selbstbildnis, um 1911, Öl auf Holz, 42 x 29,5 cm © Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford

(re) Anita Rée (1885–1933): Selbstbildnis in Hittfeld, 1904, Öl auf Leinwand, auf Sperrholz aufgezogen, 41 x 46 cm © Hamburger Kunsthalle, Foto:  Elke Walford

Sehnsuchtsorte

Im Alter von 35 Jahren hatte sich Anita Rée fest in der Hamburger Kulturszene etabliert und auch überregional erste Erfolge gehabt. Es zog sie nun Richtung Süden: Zum einen wollte sie die großen Museen und Sammlungen erleben, zum anderen suchte sie abwechslungsreiche Landschaften für ihre Kunst. Im Frühsommer 1921 reiste Anita Rée nach Tirol und nahm Station im Dorf Grins.. Die Bilder des Mont Sainte-Victoire von Paul Cézanne erinnernd, erfasste sie dort Felsmassive, Schluchten und Bergspitzen in prismatischen Farbformen. 

Im August 1922 überquerte Rée die Alpen und reiste bis nach Süditalien. Das Fischerdorf Positano an der Amalfiküste blieb nun drei Jahre lang ihr Lebenszentrum. Rées Ansichten von Positano unterscheiden sich von den romantischen Italienbildern der Künstler des 19. Jahrhunderts: Sie konzentrierte sich auf die Lage des Orts zwischen Meer und Hang, auf kubische Häusergruppen und hohe Türme, steile Treppen und enge Gassen, das vielgliedrige Geäst der Nuss- und Olivenbäume. Eine fahle Farbigkeit lässt das Dorf oft geisterhaft, wie eine Kulisse wirken.

  

(li) Anita Rée (1885–1933): Schlucht bei Pians, 1921, Öl auf Leinwand, 80 x 61,5 cm © Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford

(re) Anita Rée (1885–1933): Weiße Nussbäume, 1922 – 1925, Öl auf Leinwand, 71,2 x 80,3 cm © Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford

Vertraute Fremde

Die Amalfiküste war in den 1920er Jahren ein beliebtes Reiseziel, besonders bei deutschen Schriftstellern und Malern. Anita Rée fand in Positano neue Künstlerkollegen, darunter Carlo Mense und Richard Seewald. Da sie Italienisch sprach, knüpfte sie auch leicht Kontakte am Ort, und sie malte und zeichnete zahlreiche Dorfbewohner. Sie hob die Individualität ihrer Modelle hervor, entwickelte aber auch Typen, vor allem eine androgyne, ovale Gesichtsform, auf die sie immer wieder zurückgriff. Das Gemälde Paar (Zwei römische Köpfe) zeigt beispielhaft, wie sich Rée von der Kunst der Frührenaissance, besonders von Werken Piero della Francescas, inspirieren ließ: Sie zitierte dessen klare Farben, scharfe Konturen, präzise Details und die ruhige Haltung seiner Figuren.

Anita Rée (1885–1933): Paar (Zwei römische Köpfe), 1922 – 1925, Öl auf Leinwand, 51 x 45,5 cm, Privatbesitz USA © Hamburger Kunsthalle, Foto: Christoph Irrgang

Ferne Paradiese

Anita Rée war fasziniert von den Kulturen der alten Welt – in Europa, Afrika und Asien – und befasste sich intensiv mit deren Bildtraditionen. In Hamburg gaben ihr das Völkerkundemuseum und das Museum für Kunst und Gewerbe Anregungen. Rée war aber auch befreundet mit dem Hamburger Kunsthistoriker Aby Warburg und nutzte regelmäßig dessen kulturwissenschaftliche, fächer- und länderübergreifende Bibliothek. Um 1930 mündete Rées Interesse in ungewöhnliche Werke: In drei Gemälden verschmolz sie Fabeltiere, Blumen und Landschaften zu einer phantastischen Welt; auf drei Schränke malte sie Affen oder Papageien auf Goldgrund und umgab sie mit ornamentalen Strukturen. Befreit vom hohen Anspruch an sich selbst und die Kunst, konnte sie sich beim tüpfelnden Gestalten in Phantasiewelten verlieren und aus ihrem inneren Fundus an Bildern schöpfen.

Anita Rée (1885–1933): Zwei Fabeltiere, um 1931, Öl auf Leinwand, 52 x 112,5 cm Privatbesitz © Hamburger Kunsthalle, Foto: Christoph Irrgang

Welt und Glaube

Christliche Themen beschäftigten Anita Rée schon früh in Zeichnungen und Gemälden. Selten bezog sie ihre Darstellungen explizit auf die Religion, meist hielt sie Weltliches und Religiöses in der Waage. Ihr Interesse an christlicher Motivik war verbunden mit einer Wertschätzung der Alten Meister, und sie begeisterte sich besonders für Madonnenbilder. In einigen Werken bezog sich Rée auf biblische Erzählungen, unter anderem auf die Flucht nach Ägypten. In dem Gemälde Blaue Frau führt der Weg durch eine moderne, städtische Welt. Blau – die Farbe der Melancholie, des Glaubens und der Treue – setzte Rée nicht nur bei der Kleidung ein; sie umfing ihre Figuren auch mit einem dunkelblauen Hintergrund oder azurnen Glorienschein. Bertha, das Dienstmädchen der Kaufmannsfamilie Wriedt und eines ihrer Lieblingsmodelle, inszenierte Anita Rée in zahlreichen Bildern. Hier erscheint sie als Nonne mit dorniger Distel und als Dame im Stil der Frührenaissance in einem barocken Kirchenrahmen – erneut trafen sich Welt und Glaube in Rées Kunst. 

Anita Rée (1885–1933): Blaue Frau, vor 1919, Öl auf Leinwand, 90 x 69 cm Privatbesitz© Hamburger Kunsthalle, Foto: Christoph Irrgang

Herrenporträts und Frauenbilder

Mit der Ausstellung ihrer italienischen Werke hatte Anita Rée zu Beginn des Jahres 1926 Aufsehen erregt. In der Folgezeit erhielt sie zahlreiche Porträtaufträge, sie fertigte aber auch auf eigenen Wunsch Bildnisse von ihr geschätzten Personen. In repräsentativen Gemälden erfasste Rée die Männer meist entsprechend ihren Berufen und gesellschaftlichen Stellungen, wie den Direktor der Hamburger Kunsthalle Gustav Pauli oder den Literaturhistoriker Albert Malte Wagner; Bücher und Skulpturen belegen die Intellektualität und Kultiviertheit der Dargestellten. Im Medium der Zeichnung fand Rée einen persönlicheren Zugang zu ihren Modellen und erfasste deren Charakteristika durch die verschiedenen Wirkungen der künstlerischen Mittel. Neigte Anita Rée dazu, männliche Modelle zu karikieren, reagierte sie auf weibliche empfindsamer. Frauen wie Valerie Alport oder Magdalena Scharlach, die für Rée Freundinnen und Förderinnen waren, stellte sie nicht als einflussreiche Kunstmäzene, sondern als Individuen dar.

  

(li) Anita Rée (1885–1933): Bildnis Otto Pauly, um 1927, Öl auf Leinwand, 64,5 x 49,2 cm © Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford

(re) Anita Rée (1885–1933): Bildnis Hildegard Heise, 1927, Öl auf Leinwand, 40,6 x 35,6 cm © Hamburger Kunsthalle, Foto: Elke Walford

Letzte Werke

Obwohl sie als Künstlerin anerkannt war, fühlte sich Anita Rée in Hamburg zunehmend unwohl – Gründe dafür waren die Wirtschaftskrise und das Erstarken der Nationalsozialisten, aber auch persönliche Enttäuschungen. Im Spätsommer 1932 verließ sie die Stadt und zog nach Sylt. Mit dem Ortswechsel ging ein Wandel in Medium, Stil und Motiv einher: Auf Sylt arbeitete Rée fast ausschließlich im Aquarell. Sie löste sich von der sachlichen, detaillierten Gestaltung der Vorjahre und übertrug nun das Gesehene unmittelbar ins Bild: Rée malte nur noch wenige Porträts. Ihr Sujet wurde die Insellandschaft, in der sie das Abbild ihrer tiefen Einsamkeit sah. Sie fand eine eigene Bildsprache für die karge, winterliche Umgebung, reduzierte die Farbigkeit der Dünen auf wenige Töne und ließ ihre weichen Formen körperhaft wirken. Den Menschen verdrängte Rée ganz aus ihren Bildern, stattdessen bevölkerte sie die Landschaften mit Tieren.

Obwohl Anita Rée immer wieder über ihre Unfähigkeit zu arbeiten klagte, war sie auf Sylt doch äußerst produktiv. Noch einmal fand sie zu einem neuen künstlerischen Ausdruck, indem sie die Natur zum Spiegel ihres Empfindens werden ließ.

  

(re) Anita Rée (1885–1933): Leuchtturm mit Zaun und Meer,1932/33, Aquarell, 39,9 x 49 cm, Privatbesitz© Hamburger Kunsthalle, Foto: Christoph Irrgang

(li) Anita Ree auf Sylt, 1932/33

Die Bilder der ausstellungsbegleitenden Schulkooperation

Im Kooperationsprojekt »Die verlorenen Bilder von Anita Rée« haben Schüler_innen der Oberstufe Langenhorn (Jahrgang 13) eigene fotografische Arbeiten zur Ausstellung präsentiert. Sie geben Einblicke in ihre ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Künstlerin. Angeleitet und begleitet von einer Kunstvermittlerin und einer Fotografin haben sie sich die Frage gestellt: Was macht mich aus und wie kann ich mich in einem einzigen Bild zeigen.

Projektleitung: Marion Koch (Kunstvermittlerin) und Sinje Hasheider (Fotografin)

Anita Rée Schulkooperation

Audioguides zur Ausstellung - mit der Stimme von Sophie Rois

BeschreibungAudio
Selbstbildnis, 1930
Zwei Fabeltiere, um 1931
Weiße Nussbäume, 1922–1925

Sie erhalten die Multimediaguides im Foyer der Kunsthalle. für 3 €.

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gesprochen von Sophie Rois, 3 €
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